Systeme - März 2016 - Leben–Natur–Raum

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Vor kurzem entdeckte ich in der Einführung zum empfehlenswerten Buch von Frédéric Laloux „Reinventing Organizations“ etwas für mich höchst Interessantes: Der Mensch hat drei (!) Gehirne – Kopf, Herz und Bauch. Das wurde zwar das erste Mal schon in den 1860er Jahren entdeckt, aber wieder vergessen, bis es in den späten 1990er Jahren wieder wissenschaftlich zum Vorschein kam. Dass dies vergessen wurde, bzw. keinen Platz im Denken hatte, liegt wohl daran, dass immer davon ausgegangen wurde, es bräuchte eine zentrale Kontroll- und Koordinationsstelle. Wie der Chef in einem Unternehmen, sollte das Gehirn im Kopf diese Funktion haben. (Doch auch dort gibt es keine „Zentrale“, die die Milliarden an Nervenzellen und Vernetzungen steuert.) Nun gibt es jedoch außer dem Gehirn im Kopf noch zwei kleinere komplexe Nervensysteme, eines am Herzen und eines im Bauch … natürlich stellt sich hier die Frage nach den „Aufgaben“ oder „Funktionen“ dieser Nervensysteme und ob man sie als „Gehirne“ bezeichnen kann ... und ich konnte noch keine Quelle finden, wo ich diese Sache nachlesen konnte. Spannend ist es trotzdem, zumal unsere Sprach ja viele Ausdrücke hat, die darauf hindeuten: „aus dem Bauch heraus entschieden“, „was sagt mir mein Herz“ u.v.a.

 

An anderer Stelle (Peter Wohlleben, „Das geheime Leben der Bäume“) erfuhr ich, dass in ursprünglichen Wäldern die Lebenwesen auf eine ganz besondere Weise miteinander leben und ein recht komplexes System bilden. Dieses System trägt sehr soziale Züge, angefangen von einer vielfältigen Kommunikation, bis hin zu gegenseitiger Unterstützung. Diese Unterstützung geht soweit, dass unter Bäumen bedürftige Nachbarn sogar mit ernährt werden. Eine wesentliche Rolle – auch für die Kommunikation – spielen dabei die unterirdischen Pilze, die mit ihrem weitreichenden Myzel eigene und meist unsichtbare Lebewesen sind. (In der Schweiz z.B. wurde offenbar ein Hallimasch gefunden, der rund 1000 Jahre alt ist und sich über einen halben Quadratkilometer ausdehnt.) Das heißt, hier gibt es Vernetzungen über unterschiedliche Lebewesen! Wollen wir wirklich bei der Vorstellung bleiben, dass es beim Menschen anders ist, dass er nur mit dem Kopf denkt und mit der Sprache kommuniziert und alleine steht in der Welt? Nein, eigentlich wissen wir alle, dass dem nicht so ist, nur fehlt es noch an „stabilen“ Denkmodellen oder zumindest eindrücklichen Erfahrungen.

 

Als ich alleine meine dreiwöchige Wanderung machte und während der ganzen Zeit in der Natur lebte, habe ich viele Erlebnisse gehabt, wie mich „die Natur“ wohlwollend aufnimmt und unterstützt, Erlebnisse, die sich nur mit schamanischen Denkmodellen erklären lassen.

 

In der Systemtheorie – die ja wichtigste Grundlage der systemischen Aufstellungsarbeit ist – werden zwei wesentliche Merkmale lebender Systeme hervorgehoben: Zuerst die Autopoiese, das ist das Selbsterschaffen, die Selbstorganisation und Selbststeuerung lebender Systeme. Zum Zweiten – und das ist ebenso ein Teil der Autopoiese – die Erschaffung, Erneuerung und das Erhalten der eigenen Grenzen. Ein lebendes System ist nur „handlungsfähig“ und „lebensfähig“ aus der Unterscheidung von Selbst und Umwelt. Um mich zu erhalten, muss ich mich z.B. ernähren, ernähren von Pflanzen und Tieren. Das heißt, ich erhalte mich über andere lebende Systeme, von denen ich mich zwar unterscheide, aber dennoch mit ihnen vernetzt und verbunden bin. Das zeigt sich in dem genannten Beispiel daran, dass das Schwein im Stall gehalten und gefüttert und der Salat und das Gemüse im Garten gehegt wird. Auch unsere Partner und Kinder sind eigene, von uns abgegrenzte und sich selbst organisierende lebende Systeme, mit denen wir auf eine sehr tiefe Weise verbunden sind.

 

Es ist für mich die Frage nach der Kommunikation offen: welche anderen Möglichkeiten und Wege der Kommunikation gibt es, als die der Sprache? Wie kommuniziere ich mit den Raben oder woher „weiß“ ich, wenn es meinen Kindern, meiner Partnerin oder anderen mir nahestehenden Menschen nicht gut geht, obwohl diese hunderte Kilometer weit weg sind?

 

Niklas Luhmann hat sich in seiner neuen Systemtheorie von den Menschen als zugrundeliegenden Ankerpunkt fortbewegt und spricht von drei Arten der Systeme:

 

den lebenden Systemen, die vorallem aus Stoffwechselvorgängen und Nervenaktivitäten bestehen,

 

den psychischen Systemen, die aus Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühlen bestehen und

 

den sozialen Systemen, die aus einer Abfolge von Kommunikationen bestehen.

 

Die Sprache ist für Luhmann die wichtigste Kopplungsmöglichkeit zwischen psychischen und sozialen Systemen und er geht davon aus, dass die Gedanken auf entscheidende Weise durch die Sprache geprägt sind. Für mich gibt es auch ein außersprachliches Denken, dass sich vielleicht eher durch Bilder und damit verknüpfte Empfindungen konstituiert. Doch möchte ich diesen Gedanken auch offen lassen, denn es könnte – wenn wir an die drei Gehirne denken – durchaus auch noch weitere Gestalten des Denkens geben, genauso, wie es auch weitere Möglichkeiten der Kommunikation geben wird, als die Sprache. (Hier stellt sich natürlich die Frage, wie weit der Begriff der Sprache gefasst wird, schließlich sprechen wir ja auch z.B. von Körpersprache oder von Metaphern …)

 

Diejenigen, die bei mir schon Aufstellungen miterlebt haben, kennen es, dass ich allermeist das Selbst mit aufstelle, als die eigene innere Weisheit, die eigene Intuition, die Stimme des Herzens. Vielleicht könnte man dies Selbst auch als die Kraft der Autopoiese bezeichnen … Genauso arbeite ich viel mit Grenzen, um die ProtagonistInnen zu stärken und zu stabilisieren. Das gründet eben in diesen Annahmen der Systemtheorie.
Das vorgehend dargestellte regt mich allerdings dazu an, noch einmal einen Experimentierabend mit Aufstellungen zu machen, wo wir vielleicht mal mit den drei Gehirnen, oder den drei Systemen (nach Luhmann) des Menschen arbeiten können und vielleicht sogar etwas über die Arten der Kommunikation erfahren können. Noch habe ich dazu keinen Termin, werde Euch jedoch so schnell wie möglich darüber informieren, wenn es stattfinden kann.

 

 

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