Systeme in Aufstellungsarbeit - April 2016 - Leben–Natur–Raum

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Als Erstes möchte ich allen Teilnehmern des Experimentierabends von Herzen danken, es war ein sehr spannender und für mich weiterführender Abend. Besonders gefreut hat mich, daß es doch viele waren, die kamen und wir so die Möglichkeit hatten, auch komplexere Aufstellungen zu realisieren. Für das Thema war dies sehr hilfreich. Es beschäftigt mich noch immer, was das Erlebte wohl zu bedeuten hat und welche Auswirkungen es auf meine zukünftige Arbeit haben wird. So will ich Euch diesmal noch etwas zu den aktuellen Gedanken schreiben.

 

Niklas Luhmann ist Soziologe und hat seine Systemtheorie vorrangig entwickelt, um soziologische Phänomene zu verstehen. Dafür scheint sie mir auch sehr gut geeignet.

 

Interessant an diesem Experimentierabend war, daß sich die Luhmann'sche Systemtheorie kaum eignet, in der systemischen Aufstellungsarbeit praktisch umgesetzt zu werden. Dabei sind mir zwei Dinge aufgefallen, die Gründe dafür sein können:

 

Die Systemtheorie von Niklas Luhmann zeichnet sich dadurch aus, daß hier vom Menschen als zugrundeliegende Einheit oder Bezugsbasis abgesehen wird. Das soziale System z.B. konstituiert sich durch Abfolgen von Kommunikationen. Bricht die Kommunikation ab, existiert dieses System nicht mehr. Es spielt keine Rolle, wer daran teilnimmt, wer zugehörig ist und mit welchen psychischen Systemen die einzelnen Kommunikationen gekoppelt sind. Auch das psychische und organische (bei Luhmann heißt es „lebendes“) System sind in sich völlig geschlossene Systeme, die lediglich über Resonanz oder eine entsprechende Kopplung einander beeinflussen. Das ist auf einer abstrakten Ebene leicht nachzuvollziehen. Doch wir Menschen erfahren uns eben doch als eine „Einheit“. Wir nehmen „in“ uns soetwas wie einen Wesenskern wahr, dasjenige was uns zu diesem einzigartigen Menschen macht, was sich nicht verändert und für uns selbst immer das Gleiche bleibt. Dieser Wesenskern scheint auf unterschiedliche Weise in eine Vielfalt von Systemen eingebunden und auch für diese wesentlich zu sein. Am einfachsten scheint dies für unsere „internen Systeme“ zu sein, das organische und das psychische. Doch hinzu kommen noch die „externen Systeme“, die mit der abehmenden Nähe auch weniger Bedeutung haben. Sehr nah ist uns dabei unsere Ursprungsfamilie, gleich gefolgt von unserer eigenen Familie und unserer Liebesbeziehung. Heute wird dies noch komplexer durch die sogenannten Patchworkfamilien, in denen sich mehrere Familien miteinander „verbinden“. Oft entsteht die Verbindung über einzelne Liebesbeziehungen, in die jeder Partner seinen Systemkomplex mit einbringt. Da ist es immer wichtig zu wissen, daß das Erleben der jeweiligen „Rollen“, für jeden Beteiligten anders ist und anders erfahren wird.

 

Dieser Wesenskern des Menschen hat in der Luhmann'schen Systemtheorie wenig Platz und so kam es in der Experimentier-Aufstellung – als wir Menschen als Fokus hinzu genommen hatten – zu der bezeichnenden Äußerung der Repräsentantin für das psychische System: „Jetzt werde ich ruhig, der Kapitän ist an Bord.“

 

Der andere Grund scheint mir darin zu liegen, daß wir uns - wenn wir in der Luhmann'schen Systemtheorie bleiben – mit der Aufstellungsarbeit immer in dem in sich abgeschlossenen sozialen System sind. Das wurde mir klar durch die indifferente „Rolle des sozialen Systems“ in der Experimentier-Aufstellung. Sind wir mit unserer Aufstellungsarbeit Teil des sozialen Systems, kann das davon deutlich abgegrenzte psychische System nicht auch Teil davon sein und so nicht „dargestellt“ werden. Das ist ein Widerspruch, den ich vorher so nicht gesehen hatte. Trotzdem bin ich mit meinen Gedanken um die Zusammenhänge von den Systemischen Strukturaufstellungen und der Luhmann'schen Systemtheorie noch nicht am Ende und werde vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt erneut darauf zurück kommen.

 

Ein anderes, für mich sehr spannendes Phänomen, das sich an diesem Abend zeigte, war, wie schnell wir den Kontakt zu unserem Körper (Bauch) oder zu unserem Herzen verlieren, wenn wir in einer stressbeladenen Situation sind. Und – vielleicht hängt dies auch damit zusammen – daß sich Traumata auf der körperlichen Ebene festsetzen, ohne daß sie von Kopf und Herz wahrgenommen werden. Die klassische „Verdrängung“ bekommt damit für mich ein neues Gesicht, vorallem wenn wir an das zuvor Gesagte vom Wesenskern des Menschen denken. „Verdrängung“ wird meist in einem vorwurfsvollen Kontext verstanden, der/die Betroffene ist nicht „bewusst“ genug, um sich mit dem entsprechenden Thema auseinander zu setzen. Das stimmt so nicht! Die Verlagerung eines traumatischen oder bedrohlichen Erlebnisses auf eine andere Ebene, z.B. auf die körperliche, ist schlichtweg ein „Kunstgriff“ das (Über-)Leben zu sichern. Und sie dient in der Folgezeit meist auch als Schutz vor ähnlich bedrohlichen Situationen. Ich denke, ohne die Wertschätzung und Wahrnehmung dieser Leistung ist es schwer solche belastenden Erfahrungen aufzulösen, ganz gleich in welchem „internen System“ sie sich festgesetzt haben. Diese Aspekte werde ich in Zukunft mit in die Arbeit einbeziehen, wenn es sinnvoll erscheint.

 

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