Wahrheit & Wirklichkeit - Mai 2016 - Leben–Natur–Raum

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immer wieder – auch in den Aufstellungen – begegnet uns die Frage nach der Wahrheit und der Wirklichkeit und nicht selten wird ein Mensch der Lüge bezichtigt. Dazu las ich einen interessanten Artikel über Untersuchungen zum Lügen. Darin wurde dargelegt, dass gewisse Lügen zur Stabilisierung der sozialen Gemeinschaft beitragen und in fast allen Gruppen gibt es Lügner, die die Gruppe zusammenhalten. Somit kann eine Lügen durchaus eine wichtige soziale Funktion haben. Gemeint ist damit jenes Lügen, wenn wir anderen nicht das sagen, was wir wirklich meinen, um nicht zu verletzen. Wenn sich zwei Freundinnen z.B. begegnen und die eine hat eine neue Frisur, dann sagt die andere vielleicht, es würde toll aussehen, obwohl sie innerlich meint, die Frisur sei schrecklich. In gewissem Sinn müssen wir zu diesen Lügen auch zählen, wenn jemand bewusst schweigt, um nichts schlimmes für den anderen zu sagen.

Als Lüge wird bezeichnet, wenn jemand wissend nicht die Wahrheit spricht. Doch was ist Wahrheit und wer beurteilt dies? Und inwieweit bin ich als Empfänger einer Botschaft nicht auch dafür verantwortlich, ob ich belogen werde?

Immer wieder haben wir davon gesprochen, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebt und somit auch seine eigene Wahrheit hat. Kann man dann überhaupt behaupten, ein anderer würde lügen? Vielleicht ist ja auch nur die Wahrnehmung eine andere?

Wenn wir auf das Wort „Wahrheit“ schauen, entdecken wir den Wortstamm „wahr“, der uns auch in „Wahrnehmung“, im „wahrnehmen“ und im „wahren“ begegnet. „Wahren“ bedeutet (be-)achten und aufmerken. Im Wort „bewahren“ wird dieses „achten“ deutlich. Auch im Wahrnehmen zeigt sich diese Aufmerksamkeit und das (Be-)Achten. Das heißt im Weiteren, dass der Filter unserer Wahrnehmung eben das ist, was wir achten, schätzen, wo wir aufmerken. Wie unsere Achtung gebildet wird hat in erster Linie mit unserer (Lebens-)Kultur zu tun.

Spannend ist auch die „Doppeldeutigkeit“ in diesen Worten, z.B. ist „Achtung“ einerseits das Wertschätzen und Ehren und andererseits die Vorsicht und die Warnung. Wenn wir wahr-nehmen, wenn wir achten bzw. aufmerken was für unser Leben wichtig ist, dann sind es eben diese beiden Seiten: das was wir wertschätzen und das was für für uns schädlich sein könnte. Mit anderen Worten, wir nehmen das als wahr, was für unser eigenes Leben von Bedeutung ist. Wahrheit ist damit etwas höchst individuelles und auch variables, je nach Kontext und Situation. So könnte man z.B. sagen, dass in obigem Beispiel die Freundin und ihr Wohlergehen wesentlich mehr Bedeutung hat, als die eigene Meinung zur Frisur. Und vielleicht hätte die gleiche Freundin in einer anderen Situation ihre Meinung gesagt? Ist es dann eine Lüge? Aber es entspricht doch nicht der Wirklichkeit, wird hier entgegnet. Was ist Wirklichkeit? Das was wirkt! Alles was ich äußere, jedes Verhalten von mir hat eine Wirkung und schafft eine Wirklichkeit. Deshalb entspricht die sogenannte Lüge aus dem Beispiel durchaus der Wirklichkeit, nämlich mit der Wirkung, dass sich die Freundin angenommen fühlt. Wir sehen auch, dass dieses Verhalten aus dem Kontext der sozialen Interaktion entsteht. Denn ob die Freundin etwas sagt, was sie so nicht fühlt oder ob sie klar heraus sagen kann, dass sie die Frisur blöd findet, hängt wesentlich damit zusammen, wie die andere darauf reagiert. Ist sie froh um eine ungeschminkte Offenheit oder ist sie schon bei Kleinigkeiten verletzt? Auch dies hängt wieder mit der Wahrheit und Bedeutungsgebung der Freundin zusammen. Freut sie sich über die Ehrlichkeit oder findet sie Bestätigung für ihr mangelndes Selbstwertgefühl? Sie ist also auch mit dafür verantwortlich, ob sie „belogen“ wird oder nicht.

In der Aufstellungsarbeit zeigen sich gleich mehrere Aspekte dieses Themas. Zunächst geht es darum neue mögliche Bedeutungen zu erleben und Bedeutungsgebungen zu verändern. Mit anderen Bedeutungen verändern sich sofort die sozialen Kontexte und ermöglichen anderen einen anderen Umgang mit mir, andere Reaktionen auf mich. Das gilt – um im Beispiel zu bleiben – für beide Freundinnen.

Und weiter: eine Repräsentantin in der Aufstellung ist nicht die real existierende Person für die sie steht. Sie stellt vielmehr das Bild der Person dar, welches im System der aufstellenden Protagonistin von Bedeutung ist. Das heißt, die Repräsentantin zeigt die Wirklichkeit der Protagonistin und nicht die Wirklichkeit der aufgestellten Person. Ändern wir nun die Bedeutungen in der Aufstellung, verändert sich die Beziehung und die gegenseitige Wirklichkeit und macht damit ein neues oder anderes Miteinander möglich. Und die eigene Wahrheit weitet in diesem Vorgang ihren Horizont. Die Aufstellungsarbeit ist ein Bildungsprozess.

 

 

 

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