System & Kultur - September 2016 - Leben–Natur–Raum

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Ende August war in 20Minuten ein kurzer Artikel zu lesen: "Bauarbeiter müssen wütende Elfen besänftigen". Wo? In Island! Ich musste unwillkürlich an meinen letzten Newsletter vom Juli denken, in dem ich Erla Stefánsdóttir, die Elfenbeauftragte von Island, erwähnte. Doch fand ich heraus, dass sie am 5. Oktober letzten Jahres gestorben war und so konnte sie diesen betroffenen Strassenbau wohl nicht mehr beraten. Nun musste eine Unachtsamkeit wieder bereinigt werden. Mich freute diese Nachricht.

 

Aber was hat es mit unserem Newsletter zu tun? Dazu muss ich etwas weiter ausholen:

 

In der Aufstellungsarbeit sprechen wir von Systemen, die wir aufstellen und die sich, wo nötig in diesem Prozess verändern. Lebende Systeme zeichnen sich durch Autopoiese, das ist die ständige Selbsterschaffung und -organisation, und eine individuelle Struktur aus. Diese Struktur grenzt sich gegenüber anderen Systemen und der Umwelt ab und ist gleichzeitig offen für strukturelle Koppelungen.

 

Auf organischer Ebene stehen wir ständig in einem Erneuerungs- und Veränderungsprozess, sind durch unsere Haut, durch unsere körperlichen Grenzen von der uns umgebenden Welt unterschieden und gleichwohl mit ihr gekoppelt, sonst könnten wir uns z.B nicht ernähren oder fortpflanzen.

 

Auf psychosozialer Ebene "erfinden" wir uns ständig neu in einem fortlaufenden Prozess der Identitätsfindung. Und hier spielt auch die Koppelung an andere Systeme eine wesentliche Rolle. Leicht beobachten lässt sich dies, wenn wir erleben, wie Menschen sich unterschiedlich und kontextabhängig zeigen und auch selbst wahrnehmen. In der Arbeit sind wir anders als zu Hause in der Familie.

 

Das ist ganz "normal", denn als Individuum sind wir in größere lebende Systeme eingebunden, wie in die Familie oder die Arbeitsstelle. Der Einfluss ist gegenseitig. Das heisst, wir werden nicht vorbestimmt durch die Familie, Arbeit oder andere soziale Systeme. Gewiss, sie haben einen Einfluss auf uns, unser Verhalten und unsere Selbstwahrnehmung. Die Familie, die Eltern prägen in ihrem Sosein das Kind, aber umgekehrt verändert das Kind in seinem Sosein auch die Eltern und die Familie. Es ist ein wechselseitiger Anpassungs- und Entwicklungsprozess. Dieser Einfluss beruht auf der ganz einfachen Tatsache, dass jedes lebende System sich versucht so zu organisieren, dass es sich selbst erhält und entfalten kann. Das gilt für das heranwachsende Kind genauso, wie für die Familie in der es aufwächst. Das bedeutet, wir haben einen Einfluss auf diese Systeme, von denen wir Teil sind. Diese meine Familie ist so, auch weil ich als Individuum daran teilhabe.

 

Das bedeutet schließlich auch, das wir nicht einfach die Hände in den Schoß legen können mit der Entschuldigung, dass wir so sind, weil unsere Eltern "uns so erzogen haben". Und da wir in einem lebendigen Veränderungsprozess leben, haben wir immer die Chance zur Entwicklung - nur wir können niemand anderen verändern, nur uns selbst.

 

Wichtig - auch für die Aufstellungsarbeit - sind die Strukturen eines oder mehrerer gekoppelter Systeme. Diese Strukturen werden in der Aufstellung räumlich durch die Repräsentanten sichtbar. Und denken wir daran, dass wir je nach Kontext eine andere Position in der Struktur einnehmen, dann stellt sich die Frage, was denn diese Strukturen ausmacht?

 

Es ist das, was sich zwischen den einzelnen Elementen prozesshaft abbildet. Ich könnte auch sagen, die Beziehungen machen die Struktur aus. Doch liegt dem ein Verständnis von Beziehung zugrunde, welches den steten Prozess des sich gegenseitig aufeinander Beziehens sieht. Beziehung ist somit nicht etwas, was Bestand hat, was besteht, sondern etwas, was sich ständig neu schöpft, was lebt und sich entfaltet. Und die Struktur bekommt ihr Bild in der Art und Weise, wie die Beziehungen gelebt werden. Bei der Familie macht es große Unterschiede, ob die Beziehungen geprägt sind von Liebe, Zuversicht und Kreativität oder von Überforderung, Resignation und starren Regeln. Natürlich gibt es alle Aspekte in jeder Familie - und das ist gut so - doch es geht darum, welches Gewicht sie haben. Oder anders ausgedrückt, es geht um die Kultur, die wir leben.

 

"Kultur" kommt vom lateinischen "cultus", der Pflege, Bildung und Verehrung und bezeichnet das Ganze des menschlichen Lebensausdrucks. Diese drei: Pflege, Bildung und Verehrung haben sämtlich prozesscharakter, d.h. darin erblicken wir wieder das Lebendige. In der Kultur zeigt sich, was wertgeschätzt wird, wie wir uns bilden und wie wir uns ausrichten.

 

Hier sehen wir die Verbindung zum Anfang: In Island lebt eine Kultur, in der das ganze Huldufólk mit seinen Elfen und Trollen wertgeschätzt und geachtet (verehrt und gepflegt) wird. Das Besondere daran ist, dass hier eine Kultur gelebt wird, die auch wertschätzt, was wir nicht alle wahrnehmen können.

 

"Alles ist im Fluss" sagte schon Heraklit und so lebt auch das Leben dieses Fliessen, wie ein Boot auf den Wellen eines Stromes. Doch manchmal passen die bisher bewährten Wege und Manöver nicht mehr und wir sind aufgefordert, neue zu finden. Deutlich spüren wir dies, wenn wir straucheln und zu kentern drohen.

 

Insa Sparrer sagte: "Das ganze Leben ist eine Heilungskrise." (Ich verstehe das Sterben dahinein eingeschlossen ...) Ergänzen möchte ich dies mit einem weiteren Satz von Heraklit: "Wer Unerhofftes nicht erhofft, kann es nicht finden: unaufspürbar ist es und unzugänglich." Machen wir uns auf den Weg, das unmöglich Scheinende zu ermöglichen, in unserem ganz individuellen Leben.

 

In diesem Sinne verstehe ich meine Aufstellungsarbeit als eine kulturelle Veranstaltung, in der es um kreative Kulturentfaltung geht. Indem wir eine neue oder andere Kultur entwickeln, verändern wir unser System, unsere Struktur und damit im weiteren auch all die der gekoppelten Systeme. Ihr seid herzlich eingeladen, daran teil zu haben.

 

 

 

 

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