Erkenne Dich selbst - Oktober 2016 - Leben–Natur–Raum

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"Erkenne Dich selbst" stand über dem Eingang zum Apollon-Tempel in Delphi, jener berühmten Orakelstätte, deren doppeldeutige Botschaften Geschichte machten. Doch ich möchte hier nicht von Ödipus oder Krösus erzählen, sondern mein Augenmerk auf die Selbsterkenntnis richten. Wie geschieht Selbsterkenntnis und was bedeutet sie?

 

Der Mensch ist wohl das einzige Wesen mit der Fähigkeit zur Reflexion. Das Wort "reflektieren" kommt von dem lateinischen reflectere und heißt sowohl zurückbiegen, zurückwenden, als auch zurückstrahlen, spiegeln und seine Gedanken auf etwas hinwenden, nachdenken.

 

Im hier gemeinten Sinn, wende ich mich in der Selbsterkenntnis mir selbst zu, "biege" das was von mir ausgeht - meine Lebensäußerungen - auf mich selbst zurück. Ich stelle mir mein Dasein vor, stelle es vor mich hin, um es zu betrachten, wahrzunehmen. Gleichzeitig ist jedoch dies Reflektieren genauso eine Seinsweise meiner selbst, welches ich - indem ich dies schreibe - ebenso reflektiere. Indem ich mir etwas vorstelle, sei es mein eigenes Dasein oder auch andere Dinge, Situationen und Personen, entsteht eine Distanz zwischen mir und dem Vorgestellten. Ich glaube Martin Buber sagte, dass der Mensch das einzige Lebenwesen ist, welches sich distanzieren kann und in dieser Distanz, in dieser Unterscheidung, Beziehung wachsen lassen kann.

 

Betrachten wir die Religionen bzw. deren hochentwickelten Formen der Meditation und Kontemplation, dann fällt auf, dass es dabei um das Einswerden geht, das Einswerden mit sich selbst, mit der Welt, mit Gott. Das ist sozusagen der Gegenpol zur Distanzierung, zur Vorstellung. Tiere und Pflanzen sind eins mit sich selbst, mit ihrer Welt - zumindest interpretieren wir dies so. Sie nehmen ihr Leben an und leben vollkommen im Hier und Jetzt. Wenn ich mir aber vorstelle, was ich heute morgen gemacht habe oder was ich heute abend machen möchte, dann bin ich nicht mehr im Hier und Jetzt. Anders geht es auch garnicht. Denn wenn ich mir vorstellen wollte, wie ich gerade schreibe, dann ist es entweder, wie ich geschrieben habe oder wie ich schreiben möchte oder werde. Das augenblickliche Schreiben ist in der Vorstellung nicht möglich, sondern nur im gegenwärtigen Tun. Bin ich in der Vorstellung vom Schreiben, hört das Schreiben selbst auf. Deshalb heißt es auch, wenn es um das Meditieren geht, man soll die Gedanken loslassen, vorbei ziehen lassen, wie die Wolken am Himmel.

 

Aber das Distanzieren ist nur die eine Seite des wesentlichen Menschseins. Die andere Seite - quasi die Ergänzung - ist die Beziehung, die gerade aus der Distanz erwächst. Stelle ich mir etwas vor, setze ich mich in Bezug zum Gegenüber, hier bin ich, dort meine Vorstellung und zwischen beidem entsteht Beziehung. Diese Beziehung ist für uns Menschen von existenzieller Bedeutung, denn es bleibt offen, ob wir etwas wahrnehmen können, bzw. ob etwas auf uns wirken kann, wozu wir keinerlei Beziehung haben, es uns garnicht vorstellen können.

 

Viele alte Philosophen sahen in der Selbsterkenntnis die Grundlage für Weisheit, Tugend und Kultur. Goethe war da etwas skeptischer, wenn nämlich Selbsterkenntnis zu einer inneren Beschaulichkeit reduziert wird, wird vom Handeln in der Welt abgelenkt. Selbsterkenntnis entwickelt sich nicht durch Betrachten, sondern durch Handeln und dessen Wirkung in der Welt.

 

Über unsere Beziehungen stehen wir immer in einer Wechselwirkung mit der Welt und: die Welt ist nicht unsere Vorstellung! Das ist der Unterschied zwischen Landkarte und Landschaft. Die Welt ist die Landschaft, die Vorstellung die Landkarte, unsere Landkarte.

 

Doch in der Möglichkeit der Beziehung lebt das Potential des Einswerdens. In der Liebe können wir eins werden mit unserem Gegenüber. Deshalb wohl ist die Liebe die zentrale Stärke, der Mittelpunkt in allen Religionen. Eine von Liebe durchdrungene Beziehung überwindet die Distanz.

 

Im Modell der Salutogenese (der Gesundheitsentwicklung) wird davon ausgegangen, dass wir uns ständig auf einem Kontinuum zwischen Krankheit und Gesundheit hin und her bewegen, wobei diese beiden extremen Pole wohl abstrakte Vorstellungen sind. Ähnlich scheint es mir mit den Polen Distanz und Einssein, wobei das verbindende Kontinuum, auf dem wir uns hin und her bewegen, die Beziehung ist.

 

Wenn ich dies so denke, scheint mir die Aufstellungsarbeit direkt an diesem zutiefst menschlichen Spannungsfeld (zwischen Distanz und Einssein) anzusetzen. Viele (Heil-)Wege lassen sich ohne Weiteres auch auf Tiere und Pflanzen anwenden. Die Aufstellungsarbeit setzt da an und wirkt da, wo es um die Essenz des Meschseins geht. Indem die Protagonistin die Repräsentanten in dem Raum platziert, wirkt sie eine handelnde Vorstellung, ein Reflektieren im Tun, im Sein. Das heißt, schon hier sind beide Aspekte enthalten. Und im Erleben der Lösung tauchen wir ein in das Einssein mit der Welt, obgleich dies immernoch eine "Vorstellung" bleibt. Die Aufstellungsarbeit ist eine Form der Selbsterkenntnis, die Betrachten und Handeln gleichwertig in sich vereint. Das ist das Besondere an der Aufstellungsarbeit und auch seine Stärke und Effektivität, dass in der "Vorstellung" die Lösung direkt er- und gelebt wird.

 

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