Schuld und Sünde - März 2017 - Leben–Natur–Raum

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... nein, nein, nein ... ich meine nicht den Roman von Dostojewski "Schuld und Sühne". Mir geht es diesmal um Schuld und Sünde und was das bedeuten kann. Schuldgefühle kennt wohl jeder und immer wieder sind sie Thema oder kommen in den Aufstellungen zum Vorschein.

 

"Schuld" kommt von "sulde" oder skal", dem "sollen" und meint eine Verpflichtung. Im alten Angelsächsischen ist es gleichbedeutend mit "Sünde". Dieses Sollen, diese Schuld bezieht sich auf Erwartungen an uns von anderen, doch auch von uns an Andere und an uns selbst. Ein einfaches Beispiel ist, wenn mir jemand Geld leiht und erwartet, dass ich es ihm zurück gebe. Im Normalfall erwarte ich es auch von mir, dass ich das Geld zurück gebe. So stehe ich in seiner Schuld. Etwas komplexer wird es beispeilsweise, wenn ich den Anspruch habe, für meine Eltern im Alter zu sorgen. Dies vermischt sich dann noch mit den Erwartungen und Wünschen meiner Eltern, die vielleicht ganz anders aussehen. Wenn ich dem jedoch - aus welchen Gründen auch immer - nicht nachkommen kann, entsteht schnell ein vielschichtiges Schuldgefühl, mir selbst, meinen Eltern und noch meinen Geschwistern oder gesellschaftlichen und/oder kulturellen Vorstellungen und Erwartungen gegenüber.

 

Wir leben heute in einer sehr komplexen Welt, sind Teil unterschiedlichster Systeme und mit ihnen auch in verschiedene Erwartungsfelder eingebunden. Wenn wir hier nur die wichtigsten Systeme betrachten, wie die drei (oder mehr) Familiensysteme (Ursprungsfamilie, eigene Familie und die Schwiegerfamilie), die Partnerschaft, die Freunde, die Arbeit und die Nachbarn, dann wird schnell deutlich, dass sich die Erwartungsfelder zwangsläufig in verschiedenen Aspekten widersprechen. Das heißt, ganz gleich wie wir entscheiden oder handeln und uns in diesem Augenblick ausrichten, können wir gleichzeitig Schuldgefühle bekommen in andere Richtungen, die wir in diesem Moment nicht beachten (können). Manches Mal ist dies dann der Grund dafür, dass wir eine Blockierung, ein Problem haben, weil wir es möglichst vielen recht machen wollen und nicht wissen, wie das geschehen kann.

 

Doch jede Entscheidung, jede Handlung ist kontextbezogen, bezogen auf die Zeit des Augenblicks und die Zeit unserer Biografie, auf den Ort bzw. das gegenwärtige Feld, welches uns am nächsten bzw. am bedeutsamsten ist und bezogen auf unsere eigene Verfassung, physisch, psychisch, seelisch, emotional und sozial. Schon wenn wir uns selbst die beste Freundin, der beste Freund sind, kann es eine kleine Erleichterung sein, doch es ist noch nicht die Lösung.

 

So gesehen, scheint die Vorstellung von Schuld schon recht fragwürdig. Doch schauen wir genauer hin, sind es gerade unsere Beziehungen, die mit dem scheinbaren Abwenden infrage gestellt werden. Schuld kann so auch als Indikator für unsere Beziehungen gesehen werden, für verletzte Beziehungen. Sind wir in der Lage, Beziehungen zu leben, die durch ein zeitweiliges Abwenden nicht verletzt sind?

 

Anfangs habe ich darauf hingewiesen, dass Schuld einen verwandten Wortstamm wie Sünde hat und in manchem Kontext gleichbedeutend verstanden wurde. Wenn wir Schuld entstehend aus einer Verpflichtung in einem Beziehungsgefüge verstehen, dann kann Sünde in dem Nichtnachkommen der Verpflichtung gesehen werden. In der Lex salica, dem alten salischen Recht vom Anfang des 6. Jahrhunderts wurde Sünde als "Notstand des Seins verstanden, was meines Erachtens sehr gut beschreibt, in welchem Multilemma wir uns immer wieder befinden. (Von Dilemma kann ich nicht sprechen, denn es gibt in der Regel nicht nur zwei, sondern eine Vielfalt von Optionen, für oder gegen die wir uns entscheiden sollen.)

 

In meinen Beispielen habe ich mich hauptsächlich mit den nach außen, zu anderen Menschen gerichteten Beziehungen beschäftigt. Doch ein ebensolches Multilemma können wir schon allein mit uns selbst erleben. Virginia Satir, die "Mutter systemischer Familientherapie" arbeitete u.a. mit dem sogenannten Selbst-Mandala. Dieses zeichnet ein Bild von acht gleichwertigen Teilen unseres Selbst. Probleme entstehen demnach aus der mangelnden Wahrnehmung, der Vernachlässigung oder der Unterdrückung einzelner Teile. Diese acht Teile sind unsere Körperebene, unsere Ebene des Intellekts, unsere Gefühlsebene, unsere Sinn-Ebene, unsere Ebenen der Ernährung, der Interaktion und des Kontextes und unsere spirituelle Ebene. So gesehen können - auch unbewusste - Schuldgefühle entstehen, wenn wir einen Teil unserer Persönlichkeit, wie z.B. unseren Körper vernachlässigen.

 

Das zeigt, dass das Thema Schuld sehr komplex und vielschichtig ist. Gewiss es ist unangenehm Schuldgefühle zu haben, doch können wir ihnen auch etwas Positives abgewinnen. Sie sind immer ein Indikator dafür, dass eine Beziehung - welche auch immer - verletzt wird. Das können wir dann entsprechend lösen, indem wir uns dem verletzten Teil, der verwundeten Beziehung zuwenden und mit ihm Frieden schließen. In einer Aufstellung ist dies eine wunderbare Möglichkeit, auch vielschichtige Lösungen zu finden.

 

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