Geduld - April 2017 - Leben–Natur–Raum

Möchten Sie meinen Newsletter erhalten?

Eisiger Wind fegt die Zigarettenschachtel über den Bahnsteig auf die Geleise. Warten. Auf dem Fahrplan wird die Abfahrt mit 19:43 angegeben. Gerade springt der Zeiger der Bahnhofsuhr auf den starken Balken der zwölf. 20:00! Seit einer halben Stunde warte ich schon hier, vom Zug ist nichts zu sehen. Ich friere und laufe, als ob es etwas nützen würde, den Bahnsteig auf und ab. Bin nicht der Einzige, der wartet. Aber mir scheint, es sind inzwischen weniger geworden. Das verunsichert mich. Mal um Mal, wenn ich am gelben Fahrplan vorbei komme, der mit fetter, schwarzer Schrift als ABFAHRT benannt ist, vergewissere ich mich: 19:43 Gleis 4. Daran ändert sich nichts. Unschlüssig setze ich meinen Weg fort. Wie weit bin ich jetzt schon gegangen?

 

Geduld? Einfach warten, bis der oder der nächste Zug kommt? Fortlaufen und nach anderen Möglichkeiten suchen? Doch wenn ich mich vom Bahnhof entfernt habe, kommt der Zug womöglich doch noch und fährt dann ohne mich weiter ...

 

Heißt Geduld wirklich nur warten und den Missstand annehmen, erleiden, ertragen? Für mich stimmt das so nicht. Geduld - in welcher Richtung auch immer - ist wesentlich mehr, als nur warten zu können. Geduld ist eine Haltung, die den Dingen, Prozessen und Entwicklungen seinen (Zeit-)Raum gibt. Eine Haltung, die nicht am Grashalm zieht, damit er schneller wächst. Gleichwohl gehört dazu aber auch die Verantwortung für das eigene Handeln, Denken und Fühlen. Einmal brauchen wir die Gelassenheit und der Annahme der Dinge und Situationen, die wir nicht ändern können und zum Anderen wird unsere Fähigkeit zu entschlossenem Tun gebraucht, wo wir sinnvollen Einfluss nehmen können.

 

Angenommen in der obigen Situation entschließe ich mich zu gehen und auf eine andere Weise an mein Ziel zu kommen. Dann kommt der Zug und ich verpasse ihn. Wie gehe ich dann mit mir selbst um? Kann ich dazu stehen, dass ich mich umentschieden habe? Habe ich Geduld mit mir selbst und meiner Situation?

 

Gegenüber anderen Menschen und Situationen fällt es meist leichter Geduld zu haben, doch an uns selbst legen wir häufig andere Massstäbe. Ein Entschluss soll gleich ein erfolgreiches Ergebnis generieren. Das Medikament soll sofort wirken. Das Gelernte soll sofort angewendet werden können. Ein Entwicklungsprozess soll in kurzer Zeit abgeschlossen sein. Doch viele Dinge brauchen ihre Zeit und dann ist Geduld in erster Linie die Zuversicht, dass es sich zum Erhofften hin entwickelt. Natürlich gehört das (Ab-)Warten auch dazu, das meint aber nicht, dass wir die Hände untätig in den Schoß legen und meinen, alles ginge von alleine.

 

Auch die Geduld mit Anderen und mit Situationen, in denen wir uns befinden, hat seine Grenzen. Es gibt das Beispiel mit den Fröschen, welches wir im übetragenen Sinn auch auf unser Leben beziehen können. Wirft man einen Frosch in heißes Wasser, springt er sofort wieder heraus. Es wäre sein sicherer Tod. Schwimmt aber ein Frosch im Wasser, das langsam erhitzt wird, findet er es zunächst angenehm, dann gewöhnt er sich mehr und mehr daran und schließlich stirbt er darin, ohne den Versuch ihm zu entkommen. Und wo gewöhnen wir uns "geduldig" an die Missstände in unserem Leben, in unserer Welt ohne aufzubegehren und uns zu wehren? Und wo "wundern" wir uns, wenn wir krank werden, weil wir womöglich die Umstände in denen wir leben, nicht mehr ertragen? In der Geduld bedarf es immer der Wachsamkeit, nicht alles hinzunehmen, was uns nicht gut tut. Hier heißt es nach Lösungen für ein förderliches und gesundes Leben zu suchen.

 

Nach einer Aufstellung ist es mein Tipp, möglichst eine gewisse Zeit (4 - 8 Wochen) nicht über die Aufstellung zu sprechen, um die erlebte Lösung nicht zu zerreden. Das ist eine Zeit, in der sich das Erlebte festigen und stabilisieren kann. Neben Geduld und Zuversicht bedarf es hier auch der Ausrichtung auf die erlebte Lösung und der Achtsamkeit auf unseren Weg. Dann werden uns etliche Situationen begegnen, die uns das Neue üben, anwenden und erfahren lassen. Und je mehr wir das erleben, desto mehr wächst unsere Geduld.

 

 

Einen Kommentar verfassen

Als Gast kommentieren

0
Nutzungsbedingungen.
  • Keine Kommentare gefunden
Powered by Komento