Der verlorene Sohn - Juli 2017 - Leben–Natur–Raum

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Der letzte Newsletter zum Thema Konstruktivismus brachte noch Rückmeldungen. Zu einfach wäre es, wenn aus konstruktivistischer Sicht gefolgert würde: „wenn es Dir schlecht geht, bist Du selbst schuld“, eine leider häufige Verdrehung des Sprichworts: „Du bist Deines Glückes Schmied“.

Natürlich haben wir eine Verantwortung darüber, wie es uns geht, aber das hat auch seine Grenzen. Erstens gehören Herausforderungen – auch solche, die uns an unsere Grenzen bringen – zum Leben dazu. Sie sind eine Chance zu lernen mit gleichzeitigem Risiko zu scheitern. Das Scheitern ist wie das Sterben ein wichtiger Aspekt des Lebens. Zweitens leben wir immer in Gemeinschaften, deren nächste und intimste die Familie ist. Und ein solches soziales System definiert sich in der Regel über spezifische Bedeutungsgebung, Regeln und Kommunikationsmuster. Man denke dabei nur an die Gemeinschaften verschiedener Religionen. Stellen wir solche gemeinschaftlichen Bedeutungen infrage, droht uns der Ausschluss aus der Gemeinschaft, wir sind in Gefahr sie zu verlieren oder nicht mehr dazu zu gehören. Nicht dazu gehören, keinen Platz in der Welt zu haben, ist existenziell bedrohlich. Die Obdachlosen, die aus der Gesellschaft herausgefallen sind – und häufig auch gar nicht mehr dazu gehören wollen – sind Teil einer anderen, der Gemeinschaft der Obdachlosen mit oft sehr strengen Regeln und Bedeutungsgebungen.

Mir begegnete in den letzten Tagen wieder das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luk. 15 / 11-32) und es schien mir vielschichtiger als es gewöhnlich verstanden wird. Der zweite Sohn lässt sich seinen Erbteil ausbezahlen und verlässt die Familie, zieht in die Fremde und versucht dort sein Glück. Doch es funktioniert nicht so, wie er sich das vorgestellt hat und er nimmt schließlich – total verarmt – eine Arbeit als Schweinehirt an, um sich über Wasser zu halten. Hungrig schaut er auf das Schweinefutter, welches er nicht anrühren darf. Er erinnert sich an sein Zuhause und kehrt zurück, mit dem Entschluss dort als Tagelöhner zu arbeiten. Zu Hause wird er mit Freuden aufgenommen. Nur der ältere Bruder kommt damit nicht so zurecht, war er doch brav zu Hause geblieben und hatte die Tradition der Familie gehütet.

Spannend ist zu sehen, wie der Sohn seiner „Heldenreise“ folgt, jenem archetypischen Muster der Persönlichkeitsentwicklung, d.h. hier wird ein Bild eines Entwicklungsprozesses gezeichnet, aus der eine große Bereicherung folgt, für den zweiten Sohn und für die Familie. Aber auch der andere, der erste Sohn trägt seinen wertvollen Anteil an der Geschichte, denn es ist genauso wichtig die gelebte Kultur weiter zu tragen und lebendig zu halten.

Und andererseits zeigt es auch die ambivalente Situation in der wir stehen, wenn es darum geht, eine wichtige Entscheidung zu treffen: bleiben wir „sicher“ beim Alten, oder setzen wir alles aufs Spiel und wagen das Neue, das Fremde, mit dem Risiko zu scheitern. Wir können nie im Voraus wissen, was auf uns zukommt, wenn wir den Schritt ins Ungewisse wagen. Häufig gehört das Scheitern mit zu diesem Weg. Doch auch dann können wir uns wieder auf den Weg nach Hause, zu uns selbst machen. Scheitern heißt dann meist, dass wir uns selbst verlieren. Eine Umkehr lässt uns geläutert und gereift wieder zu uns selbst finden.

Diesen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung können wir auch in den Aufstellungen erleben. Seine Familie zu verlassen ist häufig das Thema der Abgrenzung. Erst wenn das „Ich bin ich und Du bist Du“ wirklich begriffen ist, nimmt Dich die Gemeinschaft als neuen Menschen nährend und tief wieder auf. Nun hat die Gemeinschaft (z.B. die Familie) ein ganz neue Qualität. Ich schätze Meister Eckehart, der er in der Seele des Menschen das Göttliche in ihm sieht.

 

 

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