Mythos - Oktober 2017 - Leben–Natur–Raum

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Vor kurzem erlebte ich ein Theater auf dem Schiff Etzel: Die Odyssee. Dabei wurde dieser alte Mythos von Penelope erzählt, der Frau von Odysseus, die jahrelang auf seine Rückkehr wartete. Natürlich wird die Geschichte anders erzählt als wir sie kennen und man fängt an nachzudenken. Nachdenken über den Inhalt, die Aussagen, und auch über die Bedeutung von Erzählung und Mythos.
Im Gegensatz zur Erklärung (der Welt) ist der Mythos eine vielschichtige Erzählung. Diese wird weniger auf der rationalen Ebene verstanden, sondern spricht mehr unser intuitives, symbolisches und emotionales Begreifen an. Meist handelt ein Mythos von dem Zusammenspiel der Menschen und der Götter, also eben jenem Bereich, den wir rational nicht erklären können. Theodor Adorno und Max Horkheimer sahen in diesem Mythos des Odysseus das Auftauchen des modernen Menschen, der sich mit seinem Intellekt (mit seiner List) nicht den Göttern und dem Schicksal unterwirft, sondern versucht sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich weiß nicht, wie das letztlich zu verstehen ist, denn es scheint ja nicht so recht zu gelingen. Immer wieder steht er vor neuen Herausforderungen, die er zu meistern hat. Selbst die lang ersehnte Heimkehr ist noch einmal eine Prüfung. Deshalb wird ja auch von den „Irrfahrten“ des Odysseus erzählt.
Hier stellt sich die Frage, ob der Mythos so erzählt wird, weil ein solch „moderner Mensch“ in dieser Zeit zu abwegig erschien? Die Irrfahrten sind zudem doppeldeutig. Es zeigt wie wir alle einige „Irrwegen“ gehen, die jedoch Wege unserer eigenen Heldenreise, Wege unserer Entwicklung sind. Wir sehnen uns, endlich daheim anzukommen, wo wir im Frieden sind, zufrieden. Die Irrfahrten des Odysseus zeigen aber auch, dass es vielleicht auch ein Irrtum ist zu meinen, wir könnten unser Schicksal intellektuell oder mit List und Tücke zu unserem Besten lenken. 
Ein Mythos ist eine Erzählung und eine lebendige Erzählung lässt uns die Vielschichtigkeit erleben. Damit bekommt sie eine Wirklichkeit – sie wirkt. Beziehen wir dies nun auf uns persönlich und hören die Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer eigenen Irrfahrten, dann zeigen sich uns unsere Perspektiven und Erwartungen. Wie wäre es, diese Geschichte einmal anders zu erzählen, sie umzuschreiben?
Das geschieht in den Aufstellungen: wir erzählen gemeinschaftlich eine Geschichte aus der momentanen Situation heraus neu und anders, schreiben sie um und finden zu einer anderen Wirklichkeit, einer Lösung. Doch dies geschieht nicht über die rationalen Absichten und Pläne, nicht über gespielte und vorgestellte Rollen, sondern „das System“ findet seine Geschichte, die es stärkt und heilt. Der Vorteil eines solchen Lernprozesses ist, dass er sich auf vielen Ebenen gleichzeitig vollzieht und damit eine größere Nachhaltigkeit hat.
 

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