Umkehr Mai 2018 - Leben–Natur–Raum

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 Seit Tagen war ich zu Fuß unterwegs, mit dem schweren Rucksack hatte ich mich schon abgefunden. Wenn das morgendliche Feuer langsam verlosch und in der Schale noch ein paar Schlucke Tee mir Gesellschaft leisteten, zog ich die topografische Karte hervor und wählte den Weg für den kommenden Tag.
An diesem Morgen sah ich nur einen möglichen Fußweg über den Berg, wenn ich nicht außen herum der befahrenen Straße folgen mochte. Selbigen wollte ich nehmen und prägte mir die Details ein. Es brauchte noch etwas Zeit, meine Dinge zu säubern und zu verpacken, die Feuerstelle weitgehend zu verbergen, bis ich mich auf den Weg machte.
Nach dem Überqueren der Bundesstraße wurde es mit einem Mal schwierig, wo ein Weg eingezeichnet war, breitete sich ein riesiges Maisfeld aus, unüberschaubar und dicht standen die hohen Halme. Doch dahinter, im Wald, sollte der Weg wieder zu finden sein. Ich nahm den Umweg in Kauf und suchte eine ganze Weile später am Waldrand die Fortsetzung meines Weges, wie ich ihn mir auf der Karte herausgesucht hatte. Ich fand ihn, erleichtert und voller Freude lief ich in das Dunkel des Waldes hinein. Es ging bergauf, der Rhythmus meiner Schritte verlangsamte sich, doch das war mir ein gutes Zeichen, es sollte ja über den Berg führen.
Mit der Zeit verwilderte der Weg immer mehr. Brombeerranken wuchsen quer wie Fallstricke. Die vorher, wie Bahngeleise sichtbaren Fahrspuren mit dem grünen Mittelstreifen, waren einer dicht und kniehoch bewachsenen Fläche gewichen. Dieser Weg wurde wohl schon seit Jahren nicht mehr genutzt. Auch meine Sicherheit war auf der Strecke geblieben.
Und plötzlich, Aus, Schluss, Vorbei. Es gab keinen Weg mehr! Ich stellte meinen Rucksack an einen Baum und lief, von dieser Last befreit, im Umkreis umher. Vielleicht ging der Weg ja doch irgendwie weiter ... Statt des Rucksacks belastete mich jetzt das bedrückende Gefühl, mich verlaufen zu haben. Doch wann und wo? Mittag, ich hatte einen halben Tag verloren und es wurde mir schmerzlich klar, es war der falsche Weg gewesen, dem ich so lange gefolgt war, ein Holzweg.
Umkehr. Entmutigt setzte ich mich neben meinen Rucksack und ließ den Kopf hängen. Tausend Fragen und Zweifel schwirrten durch den Schädel, wie ein Schwarm aufgebrachter Stechmücken. Als ich schließlich langsam wieder aufschaute, entdeckte ich in den niedrigen Büschen vor mir unzählige Heidelbeeren. Ich zog meine Schale hervor und fing an zu sammeln, ein paar direkt in den Mund, ein paar in die Schale. Es waren so viele! Nicht lange und die Schale war bis zum Rand gefüllt. Ich war reich beschenkt worden und ließ mir Zeit es zu genießen. Die notwendige Umkehr verlor etwas von seiner verzweifelten Dramatik. Zu der Zeit wusste ich nicht, dass ich bis zum Maisfeld zurückmusste. Nach dem kleinen Mittagsmahl mit Heidelbeeren machte ich mich wieder auf den Weg. Umkehr zu meinen Weg, wo auch immer er dann zu finden war.
 Solche Dinge geschehen immer wieder, nicht nur, wenn man wandert. Auch unser Gang durchs Leben hält solche Situationen für uns bereit. Plötzlich stehen wir – oft ausgelöst durch extreme Geschehnisse – an dem Punkt, wo wir erkennen, wir haben unseren Weg verloren, müssen umkehren, um wieder Anschluss zu uns selbst zu finden. Eine solch notwendige Umkehr ist oft der Auslöser für eine Aufstellung, und da wir hierbei nicht an Ort und Zeit gebunden sind, finden wir in kurzer Zeit wieder zurück zu dem, was unseren ganz persönlichen, individuellen Weg ausmacht, auf dem wir uns weiter entwickeln und Freude im Leben finden.

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