Wer bin ich - April 2019 - Leben–Natur–Raum

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 Schaufenster. Ich betrachte die männlichen Typen, weil ich selbst Mann bin. Es geht ums Outfit, auf Deutsch: um die Schale. Immer gleich mehrere vom Selben. Dort „Jeunesse leptosome“ mit künstlich zerrissenen Jeans und starken Sprüchen auf den T-Shirts, hier freakige Freiheit mit verrosteten Motorcyclettes von anno dazumal, Männer, kopflos, mit unbrauchbarem Werkzeug in der Hand und unpraktisch angezogen für wirkliche Tätigkeiten, dann Businesslook, gesichtslos, Jackett im Schottenmuster, viel zu kurze, spindeldürre Hose, knallbunte Socken und glänzende Schuhe wie Frachtschiffe und immer, immer, immer sehe ich, wenn ich genau hinschaue, mein unpassendes Spiegelbild dabei. Wie viel schlimmer ist das für Frauen, denke ich mir. Auf ein Männerschaufenster sind da mindestens 6 Frauenschaufenster!


Reflexion. Wer bin ich? Ich denke, ein Tier würde sich diese Frage nicht stellen. Es gibt Tiere, die fähig sind, ein Spiegelbild als solches zu erkennen. Auch die würden sich diese Frage nicht stellen. Die Möglichkeit zu reflexivem Denken hat der Mensch und er fragt sich: „Wer bin ich?“ Wie finden wir Antworten auf diese Fragen? Wie fühle ich mich wohl oder wie würde ich mich – rein fiktiv - wohl fühlen? Wie empfinde ich mich selbst und wie sehen mich die anderen?


Genau dieser Perspektivwechsel macht einem oft das Leben schwer. Eben weil es starke, spürbare Unterschiede gibt. Für andere bin ich nicht ok so, wie ich bin. Oder richtiger, ich interpretiere den Blick der Mitmenschen so, als wäre ich nicht ok. Wenn ich das merke, möchte ich gerne wissen, wie mich die anderen wirklich sehen. Aber würde ich selbst meiner besten Freundin, meinem besten Freund alles, wirklich alles sagen? Nein. Natürlich nicht! Denn es ist ja „nur meine Sicht“, außerdem kann es verletzen und das will ich ja nicht. Ganz schön kompliziert, das Ganze! Oder?


Ein Kind, jedes Kind ist und handelt anfangs noch natürlich so, wie es sich fühlt oder was es sich gerade wünscht. Doch es lernt sehr schnell, wo da die Grenzen sind, und dass die Eltern, die Geschwister, die Freunde und die anderen Mitmenschen sich häufig das ganz anders vorstellen, wie es zu sein hat. Ist das richtig so?


Das ist Kultur. Im positiven wie negativen Sinn. Wir lernen und entwickeln uns in dieser Auseinandersetzung zu wunderbaren Menschen und bringen viel Schönes in die Welt. Aber auf der anderen Seite erzeugt es auch viel Leiden und sogar Krankheit, Krieg und Unglück. Beides! Und beides gehört zum Ganzen.


Es gibt viele Wege, wieder zur Natürlichkeit zu finden, wieder Wege zu gehen, die unseren Fähigkeiten und Talenten mehr entsprechen, Möglichkeiten zu haben, das Leiden in Glück zu wandeln, Fenster zu sehen, um Neues – auch für uns selbst – zu entdecken. Schau-Fenster!


Die Aufstellungsarbeit ist ein solches Fenster. Ein Fenster, in dem wir nicht die Schale betrachten, sondern den Kern, in dem wir tiefer schauen können auf uns selbst und Lösungen sehen, finden und (er-)leben.

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